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Roderich Kiesewetter und seine Gedanken zum Frieden

Das Interview mit Roderich Kiesewetter, das am 4. Mai 2026 im Deutschlandfunk ausgestrahlt wurde, dürfte bei vielen Hörern – so auch bei mir – zwiespältige Gefühle ausgelöst haben. Einerseits ist die aktuelle Lage angesichts der kriegerischen Ereignisse für viele Bürger zutiefst beängstigend. Andererseits stellt sich immer wieder die Frage, warum Russland so brutal gegen ein Nachbar- und Brudervolk vorgeht und dabei in Kauf nimmt, dass die Folgen dieses Krieges Europa insgesamt destabilisieren.

Auf die Ursprünge des Krieges möchte ich an dieser Stelle nicht erneut eingehen. Einerseits habe ich dies bereits mehrfach getan, andererseits führt es nicht weiter, wenn es darum geht, wie man das Morden möglichst schnell beendet und ein Übergreifen des Konflikts auf andere Staaten verhindert. Denn die gesamte Diskussion – und insbesondere das Verhalten des Westens, allen voran Deutschlands – birgt die Gefahr, dass aus einem regional begrenzten Krieg eine weltpolitische Eskalation erwächst.

Die Ausführungen des CDU-Politikers und ehemaligen Oberst a. D. Kiesewetter mögen aus persönlicher Sorge heraus entstanden sein. Sie verstärken jedoch bei vielen Bürgern – und hier schließe ich mich ausdrücklich ein – die Angst, dass eine Fehleinschätzung der eigenen Macht und des politischen Einflusses zu einem Anspruch führt, man könne Russland militärisch besiegen. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass selbst große historische Feldherren an Russland scheiterten: Napoleon militärisch – und Hitler glücklicherweise politisch und moralisch, denn die Niederlage des Nationalsozialismus durch die Sowjetunion war ein Glücksfall für Europa. Der kommende 8. Mai sollte Anlass zum Nachdenken sein.

Auch wenn die USA – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr bereit zu sein scheinen, Deutschland um jeden Preis zu verteidigen, darf dies nicht zu der Schlussfolgerung führen, Russland warte nur darauf, in ein vermeintliches Vakuum einzubrechen und Deutschland militärisch zu besetzen. Die Idee, Deutschland solle gemeinsam mit der Ukraine Mittelstreckenraketen entwickeln, ist sicherheitspolitisch hochgradig umstritten. Wie kann man solche Überlegungen äußern, während sich der Partner im Krieg mit Russland befindet? Erst recht darf dies nicht dazu führen, Russland zum „Hauptfeind Deutschlands“ zu erklären, wie es Kiesewetter tut. Das ist eine bewusste politische Rahmung, die den Diskurs von Diplomatie weg und hin zu Konfrontation verschiebt.

Kiesewetter sollte bedenken, dass viele Bürger in Deutschland bereits die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen ablehnten, weil sie darin keinen Schutz, sondern eine zusätzliche Gefährdung sahen. Wenn er nun meint, eine „Fähigkeitslücke“ könne durch den gemeinsamen Bau eigener Raketen geschlossen werden, dann muss man deutlich sagen: „Lieber Herr Kiesewetter, diesen Krieg sollten Sie dann bitte allein führen.“

Besonders problematisch ist seine Behauptung, Verhandlungen mit Russland seien „sinnlos“, weil Russland Diplomatie nur als Mittel der Kriegsführung nutze. Das ist ein klassisches Argument, das in Konflikten oft genutzt wird, um diplomatische Optionen auszuschließen. Historisch und politikwissenschaftlich ist gut belegt, dass selbst verfeindete Staaten miteinander verhandeln – gerade in Kriegszeiten. Als ehemaliger Oberst sollte Kiesewetter diese Gesetzmäßigkeiten kennen. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, er halte militärische Lösungen grundsätzlich für überlegen. Einer solchen Haltung muss man mit allen demokratisch zulässigen Mitteln widersprechen.

Was wir dringend benötigen, ist nicht militärische Stärke, sondern die Stärke der Überzeugung, des Dialogs und des Bemühens, sich mit politischen Gegnern zu arrangieren. Ich wünsche meinem Land, das meine Heimat ist, keinen zweiten 8. Mai.


 

Von Bornemann

Dipl.- Sozialarbeiter
Mitglied im Verband Deutscher Pressejournalisten
Studium Sozialarbeit
AKAD Management-Fernstudium
Ergänzungsstudium Wirtschaftsphilosphie

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