Das in der Deutschlandfunk‑Sendung „Tag für Tag“ ausgestrahlte Interview mit dem katholischen Bischof von Magdeburg, Gerhard Feige, zeigt die Widersprüchlichkeit des Auftretens eines katholischen „Kirchenfürsten“. Der Verlauf des Gesprächs – bei dem man sich kritischere Nachfragen der Journalistin gewünscht hätte – konnte bei einem nicht tief im Thema stehenden Zuhörer den Eindruck erwecken, die Kirche sei Opfer einer „Verrohung“ der Gesellschaft geworden und die AfD – die laut Umfragen derzeit auf rund 42 % Zustimmung kommt – sei der alleinige Aggressor, der diese Entwicklung verursacht habe.
Hört man Bischof Feige zu, entsteht der Eindruck, er wolle vermitteln, die Kirche habe lediglich „Werte verteidigt“ und sei nun überrascht, dass eine Partei sich gegen sie artikuliere. Die Werte, von denen Feige sprach – Menschenwürde, Demokratie, Respekt –, stellte er so dar, als seien sie mit der AfD grundsätzlich unvereinbar.
Gerade Feige, der als ehemaliger DDR‑Bürger die dialektische Argumentationsweise marxistischer Systeme kennen müsste, sollte vorsichtig sein. Auch die DDR‑Regierung berief sich stets auf Freiheitsrechte – sie verstand darunter nur etwas völlig anderes. An dieser Stelle sei eine persönliche Episode erlaubt: Als meine Schwester, die in der DDR geblieben war, mich in West‑Berlin besuchte und ich ihr von der Freiheit des Reisens und den Möglichkeiten des Konsums vorschwärmte, fragte sie schlicht: „Kannst du dir das leisten?“ Freiheit, die nur auf dem Papier existiert, ist keine Freiheit. Und jemand, der nicht reist, kann freier sein als derjenige, der von Luxushotel zu Luxushotel zieht und am Ende nicht weiß, was er gesehen hat.
Wenn Bischof Feige heute so vollmundig über „Werte“ spricht, sollte er – als Theologe und Seelsorger – behutsamer mit diesen Begriffen umgehen. Der AfD pauschal vorzuwerfen, sie wende sich gegen alle Werte, ist unchristlich und eines Akademikers unwürdig. Solche Pauschalurteile kann man nicht ernst nehmen.
Vielleicht hätte Feige im Interview selbstkritisch fragen können, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen den pauschalen Anfeindungen der AfD durch Kirchenvertreter in den vergangenen Jahren, dem Ausschluss von AfD‑Mitgliedern aus kirchlichen Ehrenämtern und der heutigen ablehnenden Haltung der AfD gegenüber den Staatskirchen. Haben nicht Bischöfe und ZdK‑Vertreter die AfD wiederholt als „menschenfeindlich“, „unchristlich“ und „Gefahr für die Demokratie“ bezeichnet? Ist es dann wirklich überraschend, wenn eine Partei darauf reagiert – unabhängig davon, ob man diese Reaktion gut findet?
Erstaunlich war zudem, dass Feige aktuell offen zugab, viele Kirchenmitglieder würden ihre politische Einstellung nicht mehr äußern, und es gebe Konflikte in Familien. Hier hätte man sich gewünscht, dass er Gedanken dazu äußert, wie diese Entwicklung zu überwinden wäre. Ich selbst habe nur meine Kindheit in der DDR verbracht, bevor ich nach West‑Berlin kam. Aber ich erinnere mich gut daran, wie vorsichtig Menschen damals mit politischen Meinungen waren. In der Schule durfte man bestimmte Dinge nicht erzählen, sonst wurde man zum Pionierleiter zitiert. Was Feige heute beschreibt, erinnert fatal an diese Atmosphäre. Erkennt er das nicht – oder will er es nicht sehen?
Die Kirchen haben sich seit Jahren klar gegen eine bestimmte Partei positioniert. Sie haben Wahlaufrufe formuliert, die faktisch gegen die AfD gerichtet waren. Sie haben politische Kriterien für Ehrenämter eingeführt. Sie haben sich in gesellschaftlichen Debatten einseitig positioniert (Migration, Klima, Gender). Das ist ihr Recht – aber: Wer sich politisch positioniert, muss politische Gegenreaktionen aushalten. Das muss auch ein Bischof verstehen. Und wenn er noch ein Hirte seiner Gemeinde sein will, sollte er dafür sorgen, dass die Kirche nicht selbst zur Verstärkung gesellschaftlicher Spaltungen beiträgt.
Herr Bischof, überlegen Sie, ob Sie nicht selbst Teil des Problems – und nicht Teil der Lösung – sind.