Wieder einmal macht die evangelische Kirche auf sich aufmerksam – diesmal die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Wie „Evangelisch.de“ berichtet, hat die Synode beschlossen, Personen von kirchlichen Leitungsämtern auszuschließen, wenn sie „kirchenfeindliche, extremistische, antisemitische, rassistische oder sonst menschenverachtende Positionen“ vertreten. Ähnliche Regelungen gelten bereits in der Evangelischen Kirche Berlin‑Brandenburg.
Auf den ersten Blick klingt dieser Beschluss wie eine klare ethische Orientierung. Bei näherem Hinsehen zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Die Kirche bewegt sich zunehmend in Richtung eines politischen Akteurs, der Zugehörigkeit nicht mehr an Glaubensinhalten, sondern an weltanschauliche Übereinstimmung knüpft. Wer nicht in das politisch definierte Raster passt, verliert sein passives Wahlrecht für kirchliche Ämter.
Die Formulierung des Beschlusses ist dabei so breit und unscharf, dass sie weniger Orientierung bietet als vielmehr ein Gesinnungsbekenntnis abfragt. Begriffe wie „kirchenfeindlich“ oder „menschenverachtend“ sind dehnbar und werden in der politischen Debatte häufig als Kampfbegriffe verwendet. Die Kirche übernimmt damit ein Muster, das sie selbst regelmäßig kritisiert: die Ausgrenzung Andersdenkender aufgrund pauschaler Zuschreibungen.
In diese Entwicklung fügt sich auch die jüngste Äußerung des Vorsitzenden des Landeskomitees der Katholiken in Bayern, Gärtner, ein. Er bezeichnete die AfD als „brutal kirchen- und christenfeindlich“ und warf ihr vor, das Christentum lediglich als „aufgeblasenen Ballon“ zu benutzen. Solche Formulierungen tragen wenig zur Klärung bei. Sie verwechseln politische Kritik mit moralischer Abwertung und verstärken den Eindruck, dass kirchliche Funktionsträger zunehmend in parteipolitischen Kategorien argumentieren.
Dabei wird übersehen, dass Christsein nicht mit der Mitgliedschaft in einer kirchlichen Organisation verwechselt werden darf. Der persönliche Glaube des Einzelnen ist nicht identisch mit den politischen Positionierungen kirchlicher Gremien. Die Kirche als Institution kann sich irren, kann sich politisieren, kann sich von ihren eigenen Grundlagen entfernen. Der Glaube des Einzelnen bleibt davon unberührt.
Gerade deshalb wäre es Aufgabe der Kirchen, Räume für Dialog, Gewissensfreiheit und geistliche Orientierung zu schaffen – nicht politische Loyalitätstests zu formulieren. Wenn kirchliche Ämter nur noch von Personen besetzt werden dürfen, die einer bestimmten politischen Linie entsprechen, verliert die Kirche ihre geistliche Unabhängigkeit und wird zu einem Verein, der seine Identität aus politischen Abgrenzungen statt aus dem Evangelium bezieht.
Die Frage, die sich aktuell stellt, ist daher nicht, welche Partei die Kirche ablehnt oder unterstützt. Die eigentliche Frage lautet: Wie viel Raum lässt die Kirche noch für Menschen, deren Glaube nicht deckungsgleich ist mit den politischen Überzeugungen kirchlicher Funktionsträger?