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Zwischen Aufbruch und Unschärfe: Was die Wahl von Bischof Wilmer wirklich bedeutet

Die deutsche katholische Bischofskonferenz hat aktuell einen neuen Vorsitzenden. Nachfolger des bisherigen Vorsitzenden Bätzing wurde der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer. Auch wenn die katholische Kirche in den letzten Jahren einen regelrechten Aderlass ihrer Gläubigen hinnehmen musste, so dass aktuell nur noch ein Viertel der Einwohner in Deutschland Mitglied der katholischen Kirche sind, so sollte man den politischen Einfluss dieser Kirche auf das politische Leben keinesfalls unterschätzen.

Auf den ersten Anschein könnte man meinen, dass mit dem Wechsel im Vorsitz der Bischofskonferenz auch ein Wechsel der Schwerpunktsetzung in der katholischen Kirche erfolgen könnte. Allerdings fällt auf, dass die Berichterstattung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sehr stark die vermeintliche moderne Einstellung des neuen Vorsitzenden betont, so dass man den Eindruck haben könnte, Bischof Wilmer wird die bisherige von Bischof Bätzing vertretene Linie fortsetzen. Demgegenüber sind die Ausführungen, soweit man sie aktuell aus zweiter Quelle nur wahrnehmen kann, keinesfalls so euphorisch, dass man sicher sein könnte, jetzt wird der bereits begonnene Aufbruch der katholischen Kirche in Deutschland fortgesetzt.

Bischof Wilmer – so wird berichtet – soll seine Antrittsrede vor seinen Amtsbrüdern mit einem Bibelvers aus dem Lukasevangelium „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade“ begonnen haben. Er betonte die doppelte Bewegung, nämlich dem Blick zu Gott und den Blick auf den Menschen. Damit artikulierte er sich offensichtlich sehr viel spiritueller als man dies von seinem Vorgänger gewohnt war. Bätzings Worte waren sehr oft parteipolitisch ausgerichtet, insbesondere, was seine Auffassung gegenüber der AfD betraf, die für viele Gläubige als regelrechte Beleidigung wahrgenommen wurde. Man könnte meinen, ja viele Katholiken werden dies vielleicht sogar wünschen, dass sich dieser Bischof wieder dem „Kerngeschäft“ der Kirche nähert, das in erster Linie Glaubens- und Lebensfragen umfassen sollte und den Gläubigen Halt und Orientierung in einer Welt, die sich immer mehr von einem Gott abgewandt hat, geben will. Für eine solche Annahme spricht auch die spirituelle Heimat des Bischof Wilmer, der Ordensbruder der „Kongregation der Priester vom Heiligsten Herzen Jesu“ (SCJ), umgangssprachlich: Dehonianer, benannt nach ihrem Gründer, Leo Dehon, ist. Das Selbstverständnis dieses Ordens ist stark international, eher dialogorientiert, mit einer Tradition sozialethischer Positionierungen. Auch dies spricht dafür, dass mit Bischof Wilmer eine andere Schwerpunktsetzung in der Bischofskonferenz erfolgen könnte.

Es ist ohnehin bemerkenswert, dass immer mehr höchste Würdenträger der katholischen Kirche – erinnert sei hier an den Papst Franziskus – Mitglied eines Ordens sind. Wahrscheinlich ist dies kein Zufall, das wäre auch nicht sehr christlich gedacht, sondern der Hinweis, dass es innerhalb des Klerus eine stärkere Zuwendung zu der Suche nach Spiritualität und der Abkehr von einer reinen Organisationskirche geben könnte. Vielleicht liegt es auch daran, dass viele Pfarrer der Kirchengemeinde immer mehr zu Verwaltungsmanagern abgeglitten sind und ihr eigener Glaube nicht mehr tief genug verwurzelt ist, als das er auf die Kirchenmitglieder noch abstrahlen könnte.

Insofern könnte der Wechsel des Vorsitzenden in der Bischofskonferenz jetzt zu einem neuen Impuls führen, der wie eine regelrechte Sauerstoff-Therapie wirken könnte.

Auffallend ist, dass Bischof Wilmer aktuell sich zu den strittigen Fragen, Frauen in Kirchenämtern, Fortsetzung des Synodalen Weges und auch zu gesellschaftspolitischen Fragen kaum oder nur sehr kryptisch Stellung nimmt. Das kann ein gutes Zeichen sein, weil Bischof Wilmer sich den Zugang zu allen gesellschaftlichen Gruppierungen offenhalten will, es kann aber auch darauf hinweisen, dass er für sich selbst noch keine Kompasspeilung im Hinblick auf den gesellschaftspolitischen Standort eingenommen hat.

Als Christ, der in den letzten Jahren immer mehr von seiner Kirche enttäuscht wurde, kann man nur hoffen, dass der Heilige Geist doch noch seine eigene Kirche kennt und diese nicht endgültig fallen lässt. Ohne Bischöfe wird dies wohl kaum im irdischen Leben funktionieren.