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Schuld und Verantwortung

Michael Friedman bleibt seiner Linie treu: Er betont die historische Verantwortung Deutschlands und warnt eindringlich vor wachsendem Antisemitismus. Man kann sich jedoch fragen, ob eine Erinnerungskultur, die vor allem auf moralische Mahnungen setzt, heute noch die gewünschte Wirkung erzielt. Es klingt sehr stark, wenn Friedman behauptet, Antisemitismus sei in Deutschland wieder alltäglich und eskaliere. Noch problematischer wirkt seine Formulierung, die deutsche Mehrheitsgesellschaft trage eine besondere Verantwortung, weil sie die Enkel der Täter sei.

Die heutige Generation trägt keine Schuld – aber sie lebt in einem Land, das aus seiner Geschichte eine besondere Verantwortung ableitet. Diese Verantwortung ist gesellschaftlich, nicht individuell. Der Begriff „Mehrheitsgesellschaft“ ist dabei pauschal und trifft die Lebenswirklichkeit vieler Menschen nicht. Die meisten Bürger wollen schlicht in Frieden leben und nicht ständig mit moralischen Appellen konfrontiert werden. Viele sind ohnehin verärgert darüber, dass ihnen von der Politik immer wieder erklärt wird, gegen wen sie sich positionieren sollen und warum sie „kriegstüchtig“ werden müssten.

Wenn Friedman – so im Deutschlandfunk zitiert – sagt, er könne Sätze wie „Wehret den Anfängen“ und „Nie wieder“ nicht mehr hören, teilen viele Menschen dieses Gefühl, allerdings aus völlig anderen Gründen. Diese Formeln wurden politisch so inflationär benutzt, dass sie an Wirkung verloren haben und eher Unmut erzeugen. Durch solche Formulierungen können falsche Stimmungen entstehen, weil sie ein ohnehin angespanntes gesellschaftliches Klima weiter aufladen. Mit großer Wahrscheinlichkeit darf man annehmen, dass die Mehrheit der Bürger weder antisemitisch noch feindlich gegenüber anderen Ethnien eingestellt ist. Viele sind jedoch irritiert und beunruhigt, dass ein Teil der heutigen Antihaltung gegenüber Juden aus Milieus stammt, in denen Judenfeindschaft historisch verankert ist. Ein Blick in bestimmte Berliner Stadtbezirke genügt, um diese Entwicklung zu erkennen.

Ein Teil des heutigen Antisemitismus speist sich aus Gruppen, die aus politischen Konfliktregionen stammen und dort bereits mit antijüdischen Narrativen sozialisiert wurden. Das entbindet die deutsche Gesellschaft nicht von ihrer Verantwortung, erklärt aber, warum die Lage komplexer ist als ein rein innerdeutsches Problem. Auch an Hochschulen gehen viele antisemitische Vorfälle nicht von Professoren aus, sondern von Studenten, die entsprechende Haltungen aus ihren Herkunftsländern mitbringen.

Vielleicht wäre es hilfreicher, wenn öffentliche Stimmen – auch Michael Friedman – darauf achteten, mit ihren Formulierungen nicht zusätzliche Aggressionen zu wecken. Ein Hans Rosenthal, der als Jude selbst ein schweres Schicksal erlitten hatte, fand später einen Weg, dieses Land mit neuen Augen zu sehen. Er verkörperte eine Haltung, die nicht auf Vergessen, sondern auf Vergebung und Menschlichkeit beruhte. Damit hat Rosenthal seinem Volk einen großen Dienst erwiesen und so manchen Antisemiten beschämt.

Als jemand mit jüdischen Wurzeln berührt mich jeder Ausdruck von Hass – gleich gegen wen er sich richtet. Hass zerstört. Erinnerung soll schützen, nicht spalten. Wir sollten aus der Vergangenheit lernen, ohne sie einander ständig als Waffe entgegenzuhalten.