Großveranstaltungen wie Kirchentage bergen die Chance, Inhalte der Kirche zu vermitteln, Gläubige zusammenzuführen und durch ein Gemeinschaftsgefühl eine besondere Bereitschaft des Hinhörens zu schaffen. Sie tragen aber auch die Gefahr in sich, zu inhaltsarmen Veranstaltungen zu werden, bei denen viele Aktionen stattfinden, aber wenig Substanz bleibt.
Beide großen Kirchen – die katholische wie die evangelische – stehen heute in einem besonderen Spannungsfeld. Sie haben sich immer stärker in gesellschaftspolitische Debatten hineinziehen lassen und dabei ihr eigentliches Proprium verschüttet: die Nachfolge Christi, die Verkündigung seiner Botschaft und die Aufgabe, den Menschen eine Verbindung zwischen der irdischen Welt und der Transzendenz Gottes zu eröffnen.
Viele Menschen – und das ist kein „kindlicher“ Glaube im infantilen Sinn – spüren, dass sie ohne diese Verbindung leer bleiben. Aufgabe der Kirche wäre es, diese Sehnsucht ernst zu nehmen, sie mit den christlichen Prinzipien zu verbinden und den Menschen Halt zu geben, der ihnen auch die Angst vor der Zukunft nimmt.
Betrachtet man den Katholikentag in Würzburg, kommen Zweifel auf, ob die Kirche sich selbst noch als Vermittlerin zwischen Gott und Welt versteht. Der starke politische Akzent, der durch die Auftritte weltlicher „Herrscher“ gesetzt wurde, lässt fragen, ob in einem solchen Klima wirklich alle Christen – mit ihren unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Überzeugungen – einen Platz im Sinne des Gemeinschaftsgeistes Jesu finden.
Ich erspare mir eine Analyse der einzelnen Politiker, die dort auftraten. Ich beziehe mich ausschließlich auf die Predigt des gastgebenden Bischofs Franz Jung zur Eröffnung des Katholikentags.
Der Bischof begann weit: Das Reich Gottes dürfe nicht politisch missbraucht werden. Es gründe nicht auf Gewalt, Unterdrückung oder Einschüchterung. Christen müssten Mut zum Widerspruch gegen Machthaber haben, die sich in „Allmachtsfantasien“ verlieren oder Religion instrumentalisieren. Selig seien die Friedensstifter, nicht die Kriegstreiber. Christen hätten eine unverlierbare Würde, die sie schützen müssten – ungeborenes Leben, Kranke, Behinderte und Sterbende.
Der Satz, wer im Namen Gottes herrsche, richte Blutbäder an – historisch wie heute –, ist zweideutig. Meint Bischof Jung damit auch kirchliche Würdenträger?
Wer nun erwartete, der Bischof würde auf fundamentale Fragen der Kirche eingehen, wurde enttäuscht. Die „mutigen Fragen“ beschränkten sich auf die Stellung der Frau, die Synodalität und den Machtmissbrauch.
Wo blieb der Hinweis darauf, wie die Kirche sich zum gegenwärtigen Kriegsgeschrei der weltlichen Herrscher verhält – von denen einige auf dem Katholikentag selbst zu Wort kamen? Hat Bischof Jung nicht wahrgenommen, dass vieles von dem, was er kritisiert, auch im Handeln seiner eigenen Kirche sichtbar wird?
Ich möchte seiner Predigt einen fiktiven Brief entgegenhalten, den ich 2024 – noch als aktives Mitglied einer katholischen Gemeinde – im Gemeindeblatt veröffentlicht habe, bevor man auf meine ehrenamtliche Mitarbeit wegen „falscher gesellschaftspolitischer Auffassungen“ verzichtete:
Lieber Zachäus,
heute richte ich meinen Brief nicht nur an Dich in die Ewigkeit, sondern eine „Kopie“ dieses Briefes ist auch direkt an die irdische Gemeinde auf dieser Erde gerichtet. Der Brief an Dich wird auch der letzte Brief sein, den ich in diesem Rahmen schreiben werde.
Du, Zachäus weißt, was es heißt, wenn die Pharisäer, die hohen geistlichen Herrn und die politischen Würdenträger betstimmte Gruppen aus der Gesellschaft ausgrenzen, weil sie ihrer Meinung nach Sünder seien und somit sich außerhalb der Gesellschaft gestellt haben. Die Geschichte aus dem Lukas-Evangelium ist nach wie vor hoch aktuell, weil sie nicht nur zu Deiner Zeit als Du auf einen Baum geklettert bist, um Christus sehen und sprechen zu können, geschah, sondern auch heute wieder in unserer Welt aktuell ist.
Die Nachfolger der damaligen geistigen und geistlichen Elite, die heutigen Bischöfe, scheinen sich heute genauso zu verhalten, wie es damals diejenigen taten, die mit Dir als Zöllner nicht sprechen wollten und den Mitbürgern vermittelten, dass auch sie nicht mit solchen Leuten, wie mit Dir Umgang pflegen.
Heute sind die Zöllner angesehene Leute, weil sie dafür sorgen, dass die gegenwärtig Regierenden genug Geld für ihren Haushalt von den Bürgern erhalten. Insofern haben die Zöllner sogar ein hohes Ansehen. Heute geht es um Meinungen und Parteien. Man redet nur mit den Demokraten, der christliche Glauben ist dabei nicht so wichtig. Ich möchte heute, Dir Zachäus, die Geschichte, mit der Du konfrontiert warst, einmal anders erzählen:
Jesus kam in die Stadt und eine große Menge Volkes sammelt sich um ihn. Zachäus hätte auch gern mit Jesus ein Gespräch über seine Botschaft gesprochen. Als er sich zu Jesus drängelte, murrten die umstehenden Leute, denn sie kannten Zachäus, den Zöllner. Nicht ohne Grund war die gesellschaftliche Gruppe, der Zachäus angehörte, verachtet und man hielt sich von ihr fern. Zachäus rief ihm zu: „Meister ich lade Dich in mein Haus ein, ich möchte mehr über deine Lehre erfahren. Jesus wandte sich daraufhin ab und sagte: Ich bin für die guten und demokratischen Kinder Israels zuständig, mit Leuten deiner Profession spricht kein guter Jude“ Damit war das Gespräch beendet. Und die anwesenden Hohen Priester und Schriftgelehrten lobten die Haltung Jesus.
Du weißt, dass diese Geschichte scheinbar falsch wiedergegeben wurde. Aber leider ist sie in dieser Fassung heute wieder Wirklichkeit, so dass ich darüber sehr traurig bin.
Da ich nicht weiß, ob ich zu dem Kreis derjenigen gehöre, die als die guten und demokratischen Kinder gelten, habe ich beschlossen, dass dieser Brief der letzte Brief sein wird, den ich für diese Gemeinde an die Ewigkeit bisher geschrieben habe. Ich möchte den derzeitigen irdischen Würdeträgern zuvorkommen und bin sicher, dass damit für mich das Gespräch mit Christus nicht aufhören wird.
Es grüßt Dich herzlich in die Ewigkeit,
Dein Erdenbürger Jörg-Michael Bornemann
Was die Kirchen – und damit meine ich beide großen Kirchen – heute brauchen, ist eine Rückbesinnung auf das, was Jesus in der Bergpredigt lehrte. Das setzt Demut, Selbsterkenntnis und die Bereitschaft voraus, Andersdenkenden unvoreingenommen zu begegnen. Genau das fehlt vielen Würdenträgern – und das spürt man auch beim Katholikentag in Würzburg.
Denken wir daran: Was würde Jesus tun, wenn er heute wieder auf die Welt käme? Müsste er dann eine zweite Kreuzigung erleiden?