Ein Kommentar von Jörg‑Michael Bornemann
Für einen kritischen Betrachter einer politischen Sendung, die den Anspruch erhebt, sachlich zu informieren, in Wahrheit aber massiv Meinung vermitteln will, gibt es Sternstunden, in denen man erkennen kann, wie die Mechanismen der Agitation funktionieren. Die ARD‑Sendung Hart aber fair vom 7. September 2026 bot eine solche Sternstunde – allerdings unfreiwillig. Moderator Louis Klamroth wirkte überfordert, blass und am Ende regelrecht entzaubert, weil die dramaturgische Strategie der Sendung so deutlich sichtbar wurde.
Die Teilnehmer Philipp Amthor (CDU), Markus Frohnmaier (AfD), Ines Schwerdtner (Linke), Fabio de Masi (BSW) und Anne Hähnig (ZEIT) ließen zunächst eine interessante Auseinandersetzung vermuten. Politprofis aus unterschiedlichen Lagern, dazu eine Journalistin, die offenbar die Rolle eines politikwissenschaftlichen „Analyse‑Professors“ simulieren sollte, um dem Ganzen einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Klamroth selbst umgab sich wie gewohnt mit der progressiven Aura eines Politsnobismus – nach dem Motto: Man weiß ja eigentlich, was diese Politiker wollen, aber man muss es den unbedarften Zuschauern pädagogisch erklären.
Schon zu Beginn der Sendung kam es zu einem kleinen Super‑GAU. Der angeblich neutrale Influencer, den Klamroth als Beleg für die Angst von Migranten vor einer AfD‑Regierung eingeladen hatte, wurde von Frohnmaier lachend entlarvt: „Sie kenne ich doch, Sie sind SPD‑Mitglied.“ Der Mann bestätigte es peinlich berührt. In diesem Moment versteinerten die Gesichtszüge des Moderators sichtbar. Die dramaturgische Inszenierung war geplatzt.
Von da an entwickelte sich eine Eigendynamik zwischen den beiden Hauptkontrahenten Amthor und Frohnmaier, die den gesamten Verlauf der Sendung dominierte. Erstaunlich war Amthors ungewohnt klare Darstellung der CDU‑Situation – eine Objektivität, die man bei ihm nicht immer erlebt. Er sprach von mehr Respekt im politischen Umgang, was gerade im Hinblick auf frühere CDU‑Äußerungen gegenüber der AfD bemerkenswert war. Frohnmaier konterte mit dem Hinweis, täglich verließen 27 Mitglieder die CDU – ein Hinweis auf die wachsende Unzufriedenheit innerhalb der Partei.
Zwischen beiden entspann sich ein politischer Schlagabtausch auf hohem Niveau, fast wie ein Fechtkampf, bei dem keiner den anderen mit dem Stilett im Gesicht verletzte, aber beide präzise trafen. Die übrigen Akteure versuchten zwar, ihre Anliegen einzubringen, doch aus meiner Sicht gelang das nur sehr eingeschränkt. Schwerdtner wirkte unglücklich platziert, de Masi unterfordert und gleichzeitig übersehen. Seine Versuche, sich einzubringen, verpufften – was den Eindruck von Unsicherheit erzeugte. Die Kommentare der ZEIT‑Journalistin sollten offenbar eine pseudowissenschaftliche Einordnung liefern, blieben aber blass.
Das eigentliche Ziel des Moderators – den Zuschauern die Gefährlichkeit der AfD zu demonstrieren – war bis dahin kaum erkennbar. Doch dann kam der dramaturgische Höhepunkt: Klamroth präsentierte einen eingebürgerten Migranten, der darstellen sollte, welche Angst er nach dem Wahlsieg der AfD habe, aus Deutschland ausgewiesen zu werden. Die kleine Petitesse, dass dieser Mann zufällig Mitarbeiter einer Integrationsberatungsstelle war, also eine klare politische Agenda vertrat und zudem wusste, dass eine Ausweisung für ihn gar nicht infrage steht, ging unter. Denn zu diesem Zeitpunkt war Klamroth die Leitung der Sendung längst entglitten. Er versuchte nur noch, eine gewisse Struktur zu retten.
Die Sendung wurde laut, unsachlich, chaotisch – und endete abrupt. Man kann sagen: glücklicherweise. Die Nachrichten mussten beginnen, und das rettete die Situation.
Interessant war die Sendung deshalb, weil sie die Methodik offenlegte: Man wollte ein Narrativ bebildern, nicht eine Debatte führen. Doch die beiden Hauptakteure, Amthor und Frohnmaier, nahmen dem Moderator die Regie aus der Hand. Amthor war ungewöhnlich klar, fast schon entfesselt. Frohnmaier war rhetorisch stark, schnell, scharf, aber nicht chaotisch. Beide erkannten die dramaturgischen Schwachstellen der Sendung sofort und nutzten sie.
Klamroth war dem nicht gewachsen. Und so geschah ihm das, was einem Zauberkünstler niemals passieren darf: Die Zuschauer erkannten den Trick. In diesem Moment war der Zauber verflogen – und die Sendung zeigte, wie Agitation scheitert, wenn die falschen Muster vorgetragen werden.