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Es gibt noch eine Hoffnung

Ein Interview im Deutschlandfunk mit dem Pressesprecher der Aktion „Schüler gegen die Wehrpflicht“, Hannes Kramer, machte Hoffnung, dass es wieder eine Generation junger Menschen gibt, die sich nicht davon abhalten lässt, selbst zu denken. Diese Generation hat gelernt, sich Sachzusammenhänge nicht von Mainstream‑Medien „einordnen“ zu lassen, sondern ordnet selbst ein und kann zwischen Propaganda und Information unterscheiden.

Im Gespräch, das der Journalist Christoph Heinemann führte, ging es um die aktuelle Aktion der Schüler, die im Rahmen einer Kampagne gegen die Einführung der Wehrpflicht auf die Straße gehen und dafür bewusst dem Unterricht fernbleiben. Heinemann versuchte, seinen Interviewpartner davon zu überzeugen, dass das Anliegen nicht überzeugend sei und eine besondere Verantwortung gegenüber der Gesellschaft vermissen lasse. Seine Fragen zielten erkennbar darauf ab, den Schüler in eine argumentative Defensive zu drängen.

Besonders deutlich wurde dies, als Heinemann fragte, was wohl gewesen wäre, wenn Amerikaner, Engländer und Franzosen nicht gegen Hitler militärisch eingetreten wären. Die Intention war klar: Er wollte suggerieren, dass es heute unverständlich sei, wenn Jugendliche nicht bereit seien, „für ihr Land“ zu kämpfen. Kramer wies dies überzeugend zurück. Historisch sei es unseriös, die damalige Situation mit der heutigen zu vergleichen. Bei aller Kritik an Putin müsse man festhalten: Putin ist kein Hitler. Ein solcher Vergleich verbietet sich.

Kramer machte deutlich, dass viele seiner Mitschüler den Eindruck haben, Politikern falle nur noch Krieg ein, wenn sie glauben, Probleme lösen zu müssen. Die geplante Wehrerfassung, die angeblich nur ein Bild der Wehrtauglichkeit liefern soll, wirkt für sie wie der Einstieg in eine neue Wehrpflicht. Der freiwillige Wehrdienst erscheint ihnen als Vorstufe. Aus Sicht der Jugendlichen ist die gegenwärtige Politik darauf ausgerichtet, Deutschland in bestehende kriegerische Auseinandersetzungen hineinzuziehen. Diplomatie scheint für viele Entscheidungsträger keine Option mehr zu sein. Die Schüler hingegen wollen, dass man sich ernsthaft um friedliche Lösungen bemüht.

Die Schieflage der aktuellen Politik zeigt sich auch in der Sprache ihrer Vertreter. Kramer verwies auf Friedrich Merz, der davon spricht, „die Sprache der Macht“ zu lernen. Für die Jugendlichen ist das Ausdruck einer Kriegslogik – und genau diese lehnen sie ab.

Ein weiterer Moment des Interviews war besonders entlarvend. Heinemann konfrontierte Kramer mit dem lateinischen Satz „Si vis pacem, para bellum“. Offenkundig sollte dies einen Bildungsabstand markieren – ein klassischer Versuch, intellektuelle Überlegenheit zu demonstrieren. Doch Kramer übersetzte den Satz sofort, zeigte, dass er die dahinterliegende Denkfigur kennt, und machte zugleich deutlich, dass er diese Logik ablehnt. Der Versuch, den Schüler rhetorisch zu belehren, scheiterte sichtbar. Statt eines belehrten Jugendlichen stand ein junger Mensch im Studio, der die Mechanismen militärischer Machtpolitik besser verstand als sein Gegenüber.

Auch die Frage, ob es die Staaten Ukraine und Israel noch gäbe, wenn sich deren Jugend so verhalten hätte wie die deutschen Schüler heute, war nicht nur wertend, sondern politisch problematisch. Kramer antwortete souverän: Solche Fragen ließen sich nicht mit einem klaren Ja oder Nein beantworten. Es gebe immer Alternativen zu militärischer Eskalation, und die Aufgabe der Politik sei es, diese Alternativen ernsthaft zu verfolgen. Die Jugendlichen wollen Einfluss auf die deutsche Regierung nehmen – nicht, um Verteidigungsfähigkeit zu verhindern, sondern um zu verhindern, dass Deutschland Kriege außerhalb seines Territoriums führt.

Kramer wies zu Recht darauf hin, dass Politiker kaum auf die Idee kommen, direkt mit Jugendlichen zu sprechen, ihre Meinung zu hören und in politische Überlegungen einzubeziehen.

Aus diesem Interview bleibt eine Erkenntnis, die weit über den Einzelfall hinausweist: Diese Jugendlichen sind nicht nur kritischer und reflektierter als viele derjenigen, die heute politische Macht beanspruchen – sie sind ein realer Grund zur Hoffnung. Sie lassen sich nicht durch historische Dramatisierungen, moralische Erpressungsversuche oder vermeintliche Bildungsüberlegenheit einschüchtern. Sie durchschauen die Versuche, sie zu Objekten sicherheitspolitischer Planspiele zu machen. Und sie bestehen darauf, dass Frieden nicht das Ergebnis militärischer Automatismen ist, sondern politischer Entscheidungen.

Eine Jugend, die sich nicht zum Kanonenfutter erklären lässt, sondern die Logik der Macht hinterfragt, ist kein Hoffnungsschimmer – sie ist die Hoffnung selbst.