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Die Welt scheint aus den Fugen zu geraten

Seit Wochen deutete sich eine Entwicklung um Venezuela an, die nichts Gutes verhieß. Was als verbale Drohkulisse begann, wandelte sich unter Präsident Donald Trump Schritt für Schritt in eine reale militärische Eskalation. Die Botschaft an Venezuela war unmissverständlich: Die USA würden den angeblichen „Drogenkrieg“ des Landes notfalls mit Waffengewalt beantworten.

Der nächste Tabubruch folgte sofort. Auf den amtierenden Staatschef Venezuelas setzten die USA ein Kopfgeld aus – 50.000 Dollar für die Auslieferung eines Präsidenten, als wäre er ein gewöhnlicher Krimineller. Spätestens hier hätte man sich fragen müssen, wie ein Staat überhaupt das Recht beanspruchen kann, den Regierungschef eines anderen souveränen Landes wie einen flüchtigen Straftäter zu behandeln.

Der Vergleich mit anderen Fällen zeigt die Absurdität der gegenwärtigen Weltpolitik. Gegen Wladimir Putin wurde ein Haftbefehl eines internationalen Gerichts erlassen, gegen Benjamin Netanjahu ebenfalls. Doch selbst diese Vorgänge berühren die Grundregel, die jahrzehntelang als zivilisatorischer Konsens galt: Amtierende Staatschefs genießen Immunität, weil sonst jeder Staat jederzeit zum Ziel politisch motivierter Strafverfolgung werden könnte. Ohne diese Regel gäbe es nur noch das Recht des Stärkeren.

Schon die amerikanischen Angriffe auf vermeintliche venezolanische Drogenschmuggler – versenkte Schiffe, getötete Menschen – deuteten auf eine Missachtung des Völkerrechts hin. Doch was in der Nacht zum 3. Januar 2026 geschah, sprengt jede bisherige Grenze. Auf direkten Befehl Trumps wurde der Präsident Venezuelas gemeinsam mit seiner Ehefrau entführt, außer Landes gebracht und in ein US‑Gefängnis verbracht, um ihm dort den Prozess zu machen.

Ob Nicolás Maduro ein Verbrecher ist oder nicht, spielt für die völkerrechtliche Bewertung keine Rolle. Er ist der amtierende Präsident eines souveränen Staates. Eine Amtsenthebung oder strafrechtliche Verfolgung hätte ausschließlich durch die Institutionen seines eigenen Landes erfolgen dürfen. Alles andere ist ein Bruch des internationalen Rechts.

Der Verdacht liegt nahe, dass es Trump nicht um mögliche Verbrechen geht, sondern um den Zugriff auf die venezolanischen Ölvorkommen. Doch unabhängig vom Motiv: Mit diesem Vorgehen hat die US‑Regierung signalisiert, dass das bisherige Völkerrecht für sie keine bindende Grundlage mehr ist. Jeder Staat – auch Deutschland – muss sich nun fragen, ob er noch sicher sein kann, nicht selbst Ziel eines solchen Vorgehens zu werden, sobald seine Politik amerikanischen Interessen widerspricht.

Die Reaktionen Russlands und Chinas sind bislang verhalten. Doch niemand kann absehen, wie lange diese Zurückhaltung anhält. Die deutsche Bundesregierung wirkt in dieser Situation schwach und ausweichend. Ihre bisherigen Stellungnahmen bleiben nichtssagend. Dabei liegt die Botschaft an Berlin auf der Hand: Wenn die USA so handeln dürfen, warum sollte Russland nicht dasselbe Recht für sich beanspruchen, wenn ein Nachbarstaat eine Politik betreibt, die Moskau missfällt?

Wenn die Bundesregierung das Vorgehen der USA in Venezuela dauerhaft ignoriert, müsste sie konsequenterweise ihre eigene Kriegsbeteiligung in der Ukraine überdenken. Denn sonst setzt sie ihren eigenen Kanzler der Gefahr aus, eines Tages das gleiche Schicksal zu erleiden wie Maduro. In einer Welt, in der diplomatische Regeln zerfallen, wäre es nicht einmal überraschend, wenn irgendeine Großmacht – sei es die USA, Russland oder China – einen deutschen Regierungschef verhaften und außer Landes bringen würde, um ihm den Prozess zu machen.

Am Ende bleibt nur eine bittere Feststellung: Wir leben in einer neuen Weltordnung, in der das Recht des Stärkeren wieder zur politischen Leitwährung geworden ist.