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Vertrauenskrise in Deutschland: Was die Auswanderungszahlen offenbaren

In der aktuellen Debatte über Zuwanderung wird fast ausschließlich darüber gesprochen, welche Personengruppen nach Deutschland kommen. Viele setzen dabei stillschweigend voraus, dass es sich überwiegend um Menschen handelt, die aufgrund von Flucht oder Migration Deutschland als Einwanderungsland betrachten. Kaum jemand stellt jedoch die Frage, ob es nicht ebenso Menschen gibt, die Deutschland – aus welchen Gründen auch immer – verlassen wollen.

Eine Sendung des Deutschlandfunks sorgte heute für besondere Aufmerksamkeit. Dort wurde berichtet, dass 21 % der in Deutschland lebenden Bürger darüber nachdenken, auszuwandern. Noch bemerkenswerter ist die Zahl derjenigen, die Deutschland tatsächlich verlassen: Unter Bezugnahme auf eine aktuelle DeZIM-Studie wurde angegeben, dass jährlich rund 1,2 Millionen Menschen auswandern.

Natürlich stellt sich die Frage nach der Seriosität dieser Zahlen. Im vorliegenden Fall kann man jedoch davon ausgehen, dass es sich nicht um Falschmeldungen handelt. Das DeZIM (Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung) erhält staatliche Fördermittel, arbeitet methodisch solide und stützt sich in seiner Langzeituntersuchung auf rund 3.000 Personen über ein Jahr.

Aus den Zahlen geht allerdings nicht hervor, ob es sich bei den Ausgewanderten ausschließlich um deutsche Staatsbürger handelt. Es wird lediglich darauf hingewiesen, dass viele von ihnen einen Migrationshintergrund haben. Darunter können sowohl eingebürgerte Deutsche als auch ausländische Staatsangehörige fallen, die längere Zeit in Deutschland gelebt haben. Die größte Gruppe der Auswandernden stammt laut Studie aus der Gruppe mit türkischem Migrationshintergrund.

Als Gründe nannten die meisten Befragten Unzufriedenheit mit den wirtschaftlichen Bedingungen in Deutschland und die Hoffnung auf einen höheren Lebensstandard im Ausland. Eine kleinere, aber dennoch alarmierende Gruppe von rund 20 % gab an, sich in Deutschland diskriminiert zu fühlen.

Neben dieser Gruppe gibt es eine weitere, statistisch klar erfasste: Personen mit ausschließlich deutscher Staatsangehörigkeit. Hier wandern jährlich etwa 270.000 Deutsche aus, während rund 189.000 zurückkehren. Deutschland verliert also jedes Jahr etwa 80.000 Staatsbürger. Auch hier wird überwiegend die Erwartung besserer wirtschaftlicher Perspektiven im Ausland als Grund genannt.

Die Zahlen deuten auf ein gemeinsames Phänomen hin: Zwischen beiden Gruppen – Menschen mit und ohne Migrationshintergrund – scheint es eine Korrelation im Vertrauensverlust gegenüber der deutschen Gesellschaft zu geben. Ob dieser Vertrauensverlust eher gesellschaftliche oder wirtschaftliche Ursachen hat, lässt sich aus den vorliegenden Daten nicht eindeutig ableiten.

Es wäre jedoch dringend notwendig, sich intensiver mit dieser Problematik zu befassen. Denn offensichtlich sind viele Menschen mit der Situation in Deutschland unzufrieden und glauben, im Ausland bessere Bedingungen vorzufinden.

In der öffentlichen Diskussion wird den Bürgern immer wieder vermittelt, Deutschland sei ein Einwanderungsland und auf Zuwanderung angewiesen, um die Wirtschaft zu stabilisieren. Vielleicht wäre es jedoch wichtiger, zunächst die gesellschaftlichen Schieflagen zu analysieren, die auch zum aktuellen Fachkräftemangel beigetragen haben. Wahrscheinlich handelt es sich nicht nur um ein reines Zahlenproblem, sondern um ein Problem unseres Gemeinwesens.

Wenn sowohl Menschen mit deutschem Hintergrund als auch Menschen mit Migrationshintergrund, die sich eigentlich dauerhaft in Deutschland niederlassen wollten, über Unzufriedenheit klagen, dann besteht dringender Handlungsbedarf. Die Sozialwissenschaften sind gefordert, der Politik belastbare Analysen zu liefern – damit politische Entscheidungen nicht nur angekündigt, sondern tatsächlich umgesetzt werden.


Von Bornemann

Dipl.- Sozialarbeiter
Mitglied im Verband Deutscher Pressejournalisten
Studium Sozialarbeit
AKAD Management-Fernstudium
Ergänzungsstudium Wirtschaftsphilosphie

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