Die Presseagentur dpa berichtet, dass Friedrich Merz und Emmanuel Macron darüber sprechen, die Zusammenarbeit im Bereich der nuklearen Abschreckung zu vertiefen. Vorgesehen sei die Einrichtung einer hochrangigen französisch-deutschen Nuklear-Steuerungsgruppe. Zudem sollen gemeinsame Übungen stattfinden, an denen Deutschland konventionell, nicht nuklear beteiligt wäre. Parallel dazu hat Macron angekündigt, die Zahl der französischen Atomsprengköpfe zu erhöhen.
Öffentlich wird betont, diese Überlegungen seien lediglich eine Ergänzung zum US‑Atomschirm und keinesfalls als dessen Ersatz gedacht. Macron spricht ausdrücklich davon, dass eine französisch-europäische Abschreckung die NATO-Strukturen ergänzen solle.
Eine genauere Betrachtung zeigt jedoch, wie fragwürdig diese Idee einer „eigenen europäischen Sicherheitsarchitektur“ ist. Zum einen ist offen, ob andere europäische Staaten bereit wären, sich einer französischen Führungsrolle im Nuklearbereich zu unterstellen. Eine echte gemeinsame Kontrolle wäre ohnehin ausgeschlossen, da Frankreich seine Entscheidungsgewalt über Atomwaffen nicht abgeben wird. Damit bliebe Deutschland – wie alle anderen – lediglich ein Mitwirkender ohne Einfluss auf den Einsatz.
Zudem ist zweifelhaft, ob dadurch tatsächlich ein zusätzliches Abschreckungspotenzial entstünde. Frankreich verfügt mit rund 290 Sprengköpfen über ein im Vergleich zu den USA oder Russland sehr kleines Arsenal. Die USA besitzen etwa 5.000 bis 5.500 Sprengköpfe, davon mehrere hundert in unterschiedlichen Eskalationsstufen einsatzbereit. Eine glaubwürdige Abschreckung ohne US‑Beteiligung gilt daher als militärisch umstritten.
Noch schwerer wiegt jedoch die Frage, wie Deutschland sich überhaupt gedanklich an einer Nuklearstrategie beteiligen kann, obwohl es nach dem Zwei-plus-Vier-Vertrag verpflichtet ist, keine eigenen Atomwaffen zu erwerben. Auch wenn Deutschland keinen direkten Zugriff auf französische Waffen hätte, stellt sich die Frage, wie der Bundeskanzler – in diesem Fall Merz – solche Gespräche unter den bestehenden rechtlichen Rahmenbedingungen überhaupt führen kann. Andere Staaten würden eine vertiefte deutsch-französische Nuklearkooperation zwangsläufig als strategische Aufrüstung interpretieren.
Die Überlegungen von Macron und Merz wirken aktuell daher nicht nur politisch vermessen, sondern auch sicherheitspolitisch riskant. Eine deutsch-französische Nuklearmacht könnte Europa mit wenigen Sprengköpfen verwüsten – während globale Akteure wie China, Russland oder die USA auch ohne Europa weiterexistieren könnten. Das strategische Gleichgewicht würde dadurch nicht stabiler, sondern fragiler.
Hinzu kommt ein zweiter, grundlegender Aspekt: Abschreckung mag theoretisch stabilisierend wirken – faktisch erhöht sie immer das Zerstörungspotenzial. Wie schnell regionale Konflikte außer Kontrolle geraten können, zeigt der Nahe Osten derzeit eindrücklich. Merz, der vermutlich nicht einmal ein Mandat besitzt, um mit Macron über nukleare Konzepte zu verhandeln, sollte sich darauf konzentrieren, internationale Spannungen zu reduzieren, statt durch neue Rüstungsüberlegungen zusätzliche Risiken zu schaffen.