Eine Nachricht, die heute sowohl im Rundfunk als auch in den Printmedien verbreitet wurde, ließ aufhorchen: Die Geburtenrate in Deutschland, die in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken ist, hat einen neuen Tiefstand erreicht. Für deutsche Frauen beträgt sie aktuell 1,2 Kinder – das liegt deutlich unter der notwendigen Reproduktionsrate von 2,1, bei der zwei Kinder die Eltern ersetzen und der zusätzliche statistische Wert von 0,1 den Ausgleich für Sterbefälle, Krankheiten und Unfruchtbarkeit bildet.
Mit anderen Worten: Das deutsche Staatsvolk erneuert sich derzeit nicht. Ein Ausgleich könnte allenfalls durch Zuzug aus dem Ausland und durch Einbürgerungen erfolgen. Dass sich dadurch die Struktur und das Verhalten einer Gesellschaft verändert, muss an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden.
Man kann sich fragen, warum die Deutschen – ich spreche hier ausdrücklich von den Bürgern, die in diesem Land geboren wurden – immer weniger Kinder bekommen. Die Gründe sind vielfältig. Bemerkenswert ist jedoch, dass trotz der niedrigen Geburtenzahl jährlich rund 100.000 Schwangerschaften beendet werden, also Kinder, die biologisch angelegt waren, nicht zur Welt kommen. Ebenso bemerkenswert ist der Befund, dass der Kinderwunsch bei potenziellen Eltern zwischen 1,7 und 1,9 Kindern liegt, die tatsächliche Geburtenzahl aber nur 1,2 beträgt. (Quelle: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB), Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Statistisches Bundesamt in Kooperation mit dem BiB.)
Die Geburtenzahl eines Volkes ist immer auch ein Ausdruck des Vertrauens in die Zukunft. Wenn dieses Vertrauen eingeschränkt oder zerstört ist, spiegelt sich das unmittelbar in der Geburtenrate wider. Man muss sich fragen, ob die politisch Verantwortlichen entweder nicht in der Lage sind, die wirklichen Probleme dieser Gesellschaft zu erkennen, oder ob sie bestimmte Entwicklungen bewusst nicht thematisieren.
Der Verteidigungsminister, der neuerdings von „Kriegstüchtigkeit“ spricht, scheint noch gar nicht bemerkt zu haben, dass seine militärischen Planspiele davon abhängen, wie viele Menschen überhaupt zur Verfügung stehen. Rein rechnerisch würden allein die jährlich nicht geborenen Kinder – jene rund 100.000 Schwangerschaften, die vorzeitig beendet werden – fünf Divisionen der Bundeswehr ausmachen.
Gerade Menschen, die noch während des Zweiten Weltkrieges geboren wurden und ihr Leben lang von dessen Folgen geprägt sind, empfinden es als unerträglich, wenn ein Verteidigungsminister heute wieder in kriegerischen Kategorien spricht und Feindbilder vermittelt, um eine Legitimation für Aufrüstung zu schaffen.
Ich will es offen bekennen: Ich bin froh über jedes Kind, das nicht geboren wird, weil es von solchen Politikern nicht für einen Krieg missbraucht werden kann. Zugleich möchte ich klarstellen, dass ich mich für diesen Staat eingesetzt habe – im Rahmen zweier Wehrübungen für zivile Führungskräfte beim Heer und bei der Marine habe ich ein Gelöbnis für dieses Vaterland abgelegt. Umso erschütternder ist die aktuelle Entwicklung. Augenblicklich habe ich den Eindruck, dass dies nicht mehr das Land ist, für das ich einst einzutreten bereit war.
Man kann nur hoffen, dass viele Bürger ähnliche Gedanken haben. Dann sollten sie nicht schweigen, sondern aktiv dafür eintreten, dass Deutschland ein friedliches Land bleibt. Wenn es künftig weniger Einwohner hat, wäre das kein Schaden. Deutschland muss nicht das größte oder bevölkerungsreichste Land sein – es sollte wieder das friedlichste Land werden, eines, in dem Kinder nicht darauf warten müssen, bis sie auf einem Kriegsplatz ihr Leben verlieren.