Den Bürgern wird seit Jahren vermittelt, Europa müsse sich von der US‑Technologie im IT‑Bereich unabhängig machen. Sofort stellt sich die Frage, wer mit „Europa“ eigentlich gemeint ist. Besonders PR‑wirksame Regierungschefs – etwa der Ministerpräsident Günther in Schleswig‑Holstein – erklären öffentlich, ihre Verwaltungen würden die Abhängigkeit von US‑IT beenden. Microsoft‑Programme und Betriebssysteme sollen entfernt und durch Open‑Source‑Software ersetzt werden. Damit entsteht der Eindruck, man könne sich tatsächlich vollständig von amerikanischer Technologie lösen.
Wer jedoch selbst mit Open‑Source‑Systemen wie Linux arbeitet, erkennt schnell, dass auch dort zahlreiche Schnittstellen zu Microsoft‑Technologien bestehen. Die Vorstellung einer vollständigen digitalen Autarkie ist daher eher politisches Wunschdenken als technische Realität.
Aktuell wird – nicht zuletzt durch die unkonventionellen Regierungspraktiken des amerikanischen Präsidenten Donald Trump – erneut eine verstärkte technologische Unabhängigkeit von den USA gefordert. Umso bemerkenswerter ist ein Projekt, das genau das Gegenteil signalisiert: Während die EU in Brüssel seit Jahren digitale Souveränität beschwört, kooperiert ein europäisches KI‑Vorzeigeunternehmen, das französische Startup Mistral AI, mit einem US‑Techgiganten, dessen Name für viele zum Inbegriff amerikanischer Dominanz geworden ist – Microsoft. Nebenbei bemerkt: Dieser Kommentar wird auf einem PC geschrieben, der auf einer Windows‑Plattform läuft. Auch das ist Microsoft.
Wer ist Mistral AI – und warum tritt Frankreich als Vorreiter auf?
Mistral AI ist ein französisches KI‑Startup mit erheblicher politischer Bedeutung. Es stärkt Frankreichs Anspruch, europäischer KI‑Motor zu sein – und es ist davon auszugehen, dass dabei vor allem französische Interessen im Vordergrund stehen. Frankreich unterscheidet sich hier nicht von den USA: Jeder Staat – mit Ausnahme Deutschlands, das sich oft in moralisch aufgeladenen Vorreiterrollen verliert – vertritt primär die eigenen Interessen.
Deutschland hingegen, das gern bei Themen vorangeht, die international wenig Zustimmung finden, fällt bei diesem Projekt durch auffällige Abwesenheit auf. Frankreich hingegen nutzt die Gelegenheit, die politische Dimension seiner KI‑Strategie sichtbar zu machen und sich als technologischer Impulsgeber Europas zu positionieren.
Zwischen politischer Rhetorik und technischer Realität liegen Welten
Dieses Projekt zeigt erneut, wie weit das auseinanderliegt, was den Bürgern erzählt wird, und dem, was tatsächlich geschieht. Frankreich geht strategisch vor: Es bringt die Kreativität junger IT‑Spezialisten ein, während Microsoft Infrastruktur, Kapital und globales Know‑how liefert. Eine solche Kombination ist für beide Seiten wertvoll – und für Europa unverzichtbar.
Eine absolute Unabhängigkeit gibt es nicht, weder in der Technologie noch in der Energieversorgung. Staaten, die das glauben, verkennen die Realitäten. Oder, wie die Russen sagen: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.