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Die vererbte Wut – Anne Rabe und die Rahmung des Deutschlandfunks

In der Kultursendung des Deutschlandfunks wurde die Schriftstellerin Anne Rabe zu ihrem Essay „Das M‑Wort“ interviewt. Ein unbefangener Hörer hätte zunächst vermuten können, es handele sich um eine der üblichen literarischen Buchvorstellungen. Doch der Verlauf des Gesprächs zeigte schnell, dass gesellschaftspolitische Fragen im Mittelpunkt standen – insbesondere Themen wie Rechtsradikalismus, Demokratieverständnis und politische Kultur.

Rabe äußerte unter anderem, ein rechtsextremes Gedankengut sei inzwischen „Mainstream-Kultur“, was sich aus Wahlergebnissen und Prognosen ablesen lasse. Damit wurde die Zielrichtung des Essays deutlich: eine kritische Auseinandersetzung mit der AfD und den politischen Verschiebungen der vergangenen Jahre. Da Rabe von „demokratischen Parteien“ sprach und die Partei Die Linke ausdrücklich dazu zählte, liegt nahe, dass sie die AfD als nicht-demokratische Kraft einordnet.

Was im Interview jedoch vollständig fehlte, war eine Einordnung der Autorin selbst. Der Moderator erwähnte nicht, in welchem gesellschaftspolitischen Umfeld Rabe verortet ist. Er wies nicht darauf hin, dass sie SPD-Mitglied ist und sich literarisch wie politisch klar im linken Milieu bewegt – was selbstverständlich nicht zu kritisieren ist. Für die Hörer wäre dieser Kontext jedoch wichtig gewesen, um die Aussagen des Essays und die moralischen Kategorien, mit denen Rabe arbeitet, angemessen einordnen zu können.

Wikipedia beschreibt das Buch wie folgt: „Rabes Essay Das M-Wort. Gegen die Verachtung der Moral entstand in der Zeit zwischen der Wiederwahl Donald Trumps zum US-Präsidenten Ende 2024 und den ersten Regierungswochen der schwarz-roten Koalition im Frühjahr 2025 und ist von den politischen Debatten dieser Phase geprägt. Mit Das M-Wort argumentiert Rabe gegen die Abwertung moralischer Maßstäbe in politischen Auseinandersetzungen und betont Empathie sowie Gleichwertigkeit als Leitprinzipien demokratischer Gesellschaften.“

Das Interview selbst wurde jedoch geführt, als handele es sich um ein literarisches Werk, das ein gesellschaftliches Problem – insbesondere im Osten Deutschlands – beleuchtet. Stutzig konnte der Hörer werden, als Rabe wiederholt darauf hinwies, wir alle seien „aus einer autoritären Geschichte hervorgegangen“ und von diesem System geprägt. Da Rabe als 40‑jährige Autorin die DDR nur am Rande erlebt hat, ist klar, dass sich diese Aussage nicht auf historische Erfahrungen, sondern auf eine gegenwartsbezogene Gesellschaftskritik bezieht. Ihr Satz „Die Familien sind die Quelle der autoritären Entwicklung“ zeigt, dass sie strukturelle Muster der heutigen Gesellschaft meint, nicht biografische Prägungen durch die DDR.

Während des Interviews stellte sich die Frage, was Rabe meint, wenn sie von „demokratischen Parteien“ spricht und gleichzeitig die Zustimmung zur AfD beklagt. Eine Antwort darauf ergab sich aus dem Gespräch nicht. Sie wird erst sichtbar, wenn man sich mit Rabes politischem und literarischem Hintergrund befasst – was aufgrund zahlreicher öffentlich zugänglicher Informationen leicht möglich ist.

Wer diesen Kontext kennt, weiß: Rabe ist SPD-Mitglied, argumentiert moralphilosophisch, versteht Moral als progressives Projekt und deutet rechte Politik als moralische Erosion. Ihre Einschätzung des Ostens ist durch ihre eigene politische Sozialisation geprägt.

In Rabes Argumentation wird Moral als politisches Etikett verwendet. „Demokratisch“ bedeutet bei ihr nicht primär Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit, freie Wahlen und Pluralismus. Für sie ist „demokratisch“ vor allem: empathisch, divers, antinational, kosmopolitisch und progressiv. Das ist eine moralische Selbstbeschreibung – keine politikwissenschaftliche Definition.

„Rechtsradikal“ wiederum erscheint als Containerbegriff, in dem unterschiedliche Phänomene zusammengefasst werden. Container-Denken bedeutet, komplexe Inhalte in einen einzigen Begriff zu packen, diesen moralisch aufzuladen und alles, was hineinpasst, gleich zu bewerten.

All dies ist nicht zu kritisieren. Jeder Bürger hat das Recht, sich ein eigenes Bild von gesellschaftlichen Entwicklungen zu machen und moralische Maßstäbe zu setzen.

Die Kritik richtet sich daher aktuell nicht gegen Anne Rabe, sondern gegen den Deutschlandfunk. Der Sender hätte die Autorin gesellschaftspolitisch einordnen müssen, damit die Hörer erkennen, dass es sich nicht um eine neutrale Buchbesprechung handelte. Stattdessen wurde subtil ein bestimmtes gesellschaftspolitisches Weltbild vermittelt – eines, das sowohl Rabe als auch die Redaktion des Deutschlandfunks offenbar für erstrebenswert halten.