Aus gegebenem Anlass möchte ich mich erneut mit der sogenannten Erinnerungskultur befassen. Es überrascht nicht, dass es dem Deutschlandfunk immer wieder gelingt, das Thema des Holocaust täglich präsent zu halten. Aktuell ging es um den 81. Jahrestag dieser schrecklichen Verbrechen, sodass wir bereits heute davon ausgehen können, dass auch der 82. Gedenktag entsprechend „nahegebracht“ werden wird.
Im Vorspann zu einem Interview mit dem Direktor der Anne-Frank-Stiftung, Meron Mendel, wurde darauf hingewiesen, dass die Zahl der Zeitzeugen immer weiter sinkt – was angesichts der Begrenztheit des menschlichen Lebens kaum überraschen kann. Man kann diese Tatsache bedauern, man kann sie aber auch als Hinweis darauf verstehen, dass inzwischen mehrere Generationen in Deutschland leben, die niemals auf die Idee kämen, Verbrechen zu begehen, wie sie die nationalsozialistische Regierung unter Hitler begangen hat.
Ob es klug ist, einer Bevölkerung ständig die Verbrechen einer vor achtzig Jahren amtierenden Regierung vorzuhalten, darf man hinterfragen. Vielleicht sollte man stärker betonen, dass historische Staatsverbrechen stets von Regierungen veranlasst wurden und die Bevölkerung oft kaum Möglichkeiten hatte – und hat –, sich gegen politische Entscheidungen zur Wehr zu setzen. Eine Parallele lässt sich auch heute erkennen: Der deutschen Bevölkerung wird intensiv vermittelt, der Feind befinde sich in Russland, und man müsse alles tun, um wieder „kriegstüchtig“ zu werden. Es werden Gesetze geschaffen, die junge Menschen verpflichten sollen, Soldaten zu werden und einen Krieg zu führen, der nicht der ihre ist. Insofern könnte man fast froh sein, dass es aufgrund biologischer Gesetzmäßigkeiten irgendwann keine Zeitzeugen mehr geben wird.
Es ist Aufgabe seriöser Historiker, geschichtliche Ereignisse – einschließlich staatlicher Verbrechen – aufzuarbeiten und in einen historischen Gesamtkontext der Menschheitsgeschichte einzuordnen. Das gilt auch für den Nationalsozialismus, dessen Entstehung und gesellschaftliche Voraussetzungen bis heute nicht vollständig geklärt sind. Ebenso muss darauf hingewiesen werden, dass diese Geschehnisse, so verachtenswert und verurteilenswert sie sind, ihre spezifische historische Genesis in Deutschland hatten. Hitler musste zunächst die deutsche Staatsangehörigkeit annehmen, bevor er Reichskanzler werden konnte.
Wenn Mendel beklagt, dass heutige Schülerinnen und Schüler sich in Gedenkstätten oft respektlos verhielten und offenbar nicht wüssten, was damals geschehen ist, dann ist festzustellen: Das ist nicht die Schuld der Jugendlichen. Es ist das Ergebnis einer zunehmend geschichtslosen Gesellschaft, die immer weniger nach ihren eigenen Wurzeln fragt. Die deutsche Geschichte besteht nicht nur aus der NS-Zeit, auch wenn dies heute manchmal so erscheinen mag. Für viele Jugendliche sind Gedenkstätten vermutlich nur noch Erinnerungsorte an historische Ereignisse – vergleichbar mit der Französischen Revolution oder dem Burenkrieg. Mit dem eigenen Volk verbinden viele diese Zeit nicht mehr, denn wer sich heute offen zum deutschen Volk bekennt, läuft Gefahr, als „Nazi“ beschimpft zu werden. Viele Jugendliche fühlen sich daher eher als Teil einer abstrakten multikulturellen Weltgemeinschaft, deren Konturen unklar bleiben und zu der kaum eine innere Bindung entstehen kann.
Mendel wies im Interview zu Recht auch auf den Krieg im Gazastreifen hin. Das Vorgehen der israelischen Regierung gegenüber der Zivilbevölkerung in Palästina hat nicht zu einer wohlwollenden Betrachtung Israels beigetragen. Auch hier ist festzuhalten, dass die Probleme nicht erst seit wenigen Jahren bestehen, sondern dass über Jahrzehnte keine nachhaltigen Fortschritte in Richtung eines Friedens zwischen Israel und Palästina erkennbar waren.
Es wäre notwendig, sich wieder stärker mit der vollständigen Geschichte des eigenen Volkes zu befassen – zu der selbstverständlich auch die Verbrechen an den Juden gehören. Gleichzeitig sollte man jungen Menschen nicht ausschließlich vermeintliche historische Schuld vorhalten, sondern mit ihnen gemeinsam an einer neuen Welt arbeiten, die – solange es sie gibt – immer die Summe vieler eigenständiger Völker sein wird. Nur wer seine eigene Identität kennt, kann sich mit den Nöten anderer identifizieren. Und genau daran scheint es derzeit zu mangeln.
Ich schreibe dies nicht aus historischer Distanz, sondern als jemand, der selbst zu jener Generation gehört, die die Folgen der nationalsozialistischen Verbrechen real erlebt hat. Mein eigenes Leben ist unter den Bedingungen entstanden, die aus diesen Verbrechen hervorgingen. Gerade deshalb ist es mir wichtig klarzustellen, dass meine Kritik an der heutigen Erinnerungspolitik nichts mit einer Relativierung oder gar einer Fortsetzung nationalsozialistischen Denkens zu tun hat.
Meine Sorge richtet sich vielmehr darauf, dass eine einseitige, ritualisierte oder politisch instrumentalisierte Form der Gedächtnispolitik unbeabsichtigt Entwicklungen begünstigen könnte, die man eigentlich verhindern möchte. Eine Gesellschaft, die sich ausschließlich über historische Schuld definiert, verliert den Zugang zu einem konstruktiven Geschichtsbewusstsein – und damit auch die Fähigkeit, aus der Vergangenheit heraus eine stabile und friedliche Zukunft zu gestalten.
Diese Sorge ist kein Ausdruck von Nostalgie oder Verdrängung, sondern eine Warnung, die aus persönlicher Erfahrung erwächst.