Dieter Nuhr führte in einer ARD‑Sendung am 18. Juni aus, „die Wahrscheinlichkeit, bei 300 bis 350 Femiziden pro Jahr auf einen Frauenmörder zu treffen“, sei „praktisch null“. Zudem sagte er: „Zur Sicherheit wäre es nicht schlecht, wenn man den Partner vor dem Geschlechtsverkehr vielleicht einfach erst mal kennenlernt.“
Das Ergebnis war eine Welle kritischer Stimmen, die ihm vorwarfen, eine ungeheuerliche Geschmacklosigkeit begangen zu haben. Eine solche Bemerkung könne nicht im Raum stehen bleiben. Man kann sich jedoch fragen, warum gerade diese Aussage einen breiten Protest auslöst, während andere Geschmacklosigkeiten im öffentlichen Raum kaum Beachtung finden.
Besonders bemerkenswert ist, dass nun der Eindruck entsteht, ein öffentlich‑rechtlicher Sender — gemeint ist der RBB, der die Nuhr‑Sendung ausstrahlte — müsse zur Rechenschaft gezogen werden, weil er eine Aussage eines Künstlers unwidersprochen zugelassen habe. Damit handelt es sich nicht mehr nur um eine Missfallensäußerung einzelner Gruppen, sondern um eine Infragestellung der Meinungsfreiheit. Verstärkt wird dieser Eindruck dadurch, dass der Deutschlandfunk in seiner Sendung „mediasres“ das Thema ebenfalls aufgreift und in einem Kommentar betont, Nuhr habe einen Tabubruch begangen und der RBB müsse nun eine klare Haltung zeigen.
Was hier geschehen ist: Nuhr hat eine statistische Aussage gemacht, die nüchtern war, aber emotionalisiert wurde. Die Debatte dreht sich nicht mehr um die Fakten, sondern um die Frage, wer etwas sagen darf und welche Aussagen gesellschaftlich akzeptiert werden — und welche sofort auf einen imaginären Index geraten.
Nuhr hat deutlich gesagt, dass 300 Morde an Frauen pro Jahr tragisch und zu viel sind. Aber bei 80 Millionen Einwohnern ist die statistische Wahrscheinlichkeit eines Mordes sehr gering. Das ist eine mathematische Feststellung, keine Verharmlosung. Statistik beschreibt Risiken, sie ist keine moralische Bewertung.
Die moralische Pointe seines Vortrags lag an anderer Stelle — und wird nun kaum noch beachtet. Nuhr stellte lapidar fest, es wäre sinnvoll, den Partner vor dem Geschlechtsverkehr überhaupt erst einmal kennenzulernen. Das verweist auf ein gesellschaftliches Problem: einen Mangel an gegenseitiger Wahrnehmung, Empathie und gemeinsamer Kommunikation, der dazu führt, dass Menschen oft kaum wissen, wer ihnen gegenübersteht.
In der Debatte zeigt sich eine deutliche Doppelmoral. Viele derjenigen, die Nuhrs Aussage kritisieren, haben selbst keine Schwierigkeiten damit, Männer pauschal unter einen Generalverdacht zu stellen — etwa indem sie von „toxischer Männlichkeit“ sprechen oder den Eindruck erwecken, Männer seien strukturell gefährlich oder frauenfeindlich. Die jetzt so lautstark Anklagenden scheinen gar nicht zu bemerken, wie widersprüchlich ihr eigenes Verhalten ist.
Die Gesellschaft toleriert aktuell pauschale Abwertungen gegenüber Männern, reagiert aber überaus heftig auf nüchterne statistische Aussagen, wenn Frauen betroffen sind. Dabei sollte klar sein: Kunst und Statistik sind keine Bedrohung der Gesellschaft. Bedrohlich wird es erst, wenn Menschen bestimmen wollen, was gesagt werden darf und was nicht. Genau das führt zur Erosion einer offenen Gesellschaft.
Dieter Nuhr ist zu danken, dass er durch seinen Beitrag diesen Widerspruch sichtbar gemacht hat und jene entlarvte, die glauben, sie könnten definieren, was Moral und Anstand seien.
Der Deutschlandfunk sollte sich fragen, ob er mit seinem Beitrag nicht selbst zur Eskalation beigetragen hat. Ein seriöser Sender sollte sich nicht vor den Wagen bestimmter gesellschaftspolitischer Gruppen spannen lassen. In diesem Fall hat er einen schlechten Stil gezeigt.