Nun ist auch ein renommierter Journalist des Tagesspiegels „Opfer“ der eigenen Nutzung von KI geworden. Die Chefredaktion des Blattes, das seit jeher einen hohen Qualitätsanspruch erhebt, teilte mit, dass man vorerst mit Stephan-Andreas Casdorff vereinbart habe, dass er keine Artikel mehr für den Tagesspiegel schreibt. Casdorff selbst räumte ein, einen schweren Fehler begangen zu haben: Er hätte offenlegen müssen, dass Texte von ihm mithilfe einer KI erstellt worden waren.
Dies ist bereits der zweite öffentlich gewordene Fall. Zuvor hatte die FAZ einen Gastbeitrag von Mario Voigt, Ministerpräsident von Thüringen, offline gestellt, weil der Text überwiegend durch eine KI generiert worden war. Es ist zu befürchten, dass diese beiden Fälle nur die Spitze eines Eisbergs darstellen. Wahrscheinlich existieren bereits zahlreiche weitere Artikel namhafter Autoren, die nicht aus eigener Feder stammen.
Diese Entwicklung ist problematisch, weil sie das Vertrauen der Leser erschüttert. Wer einen Artikel liest, muss sicher sein können, wie er entstanden ist und wessen Gedanken er enthält. Die Causa Casdorff erscheint mir im Vergleich zum Fall Voigt sogar noch gravierender. Von Politikern erwartet man ohnehin, dass Reden und Texte häufig von Mitarbeitern oder Ghostwritern vorbereitet werden. Zudem werden politische Beiträge meist durch eine parteipolitische Brille gelesen.
Insofern trifft der Vorstandsvorsitzende des Springer-Verlags, Mathias Döpfner, aktuell einen Punkt, wenn er davor warnt, im Umgang mit KI zu puristisch zu sein. Viele Texte entstehen schon lange nicht mehr ausschließlich durch die Hand desjenigen, dessen Name darübersteht. Mitarbeiter, Referenten und Ghostwriter sind seit Jahrzehnten Teil des politischen Betriebs.
Trotzdem bin ich der Auffassung, dass es einen entscheidenden Unterschied macht, ob ein Politiker oder ein Journalist schreibt. Von gutem Journalismus muss man erwarten können, dass die Meinungen und Bewertungen tatsächlich vom Autor selbst entwickelt wurden. Andernfalls kann der Leser nicht mehr erkennen, was authentische Analyse und was künstlich erzeugte Oberfläche ist.
Um es klarzustellen: Es geht nicht um Korrekturen oder Lektorate. Kein Buch, kein Kommentar, kein Leitartikel kommt ohne sprachliche Überarbeitung aus. Entscheidend ist, dass die gedankliche Urheberschaft eindeutig bleibt. Wenn eine Meinung nicht mehr einer Person zugeordnet werden kann, entsteht ein Gefühl des Betrugs.
Es bleibt zu hoffen, dass die jetzt bekannt gewordenen Fälle dazu führen, dass die vielen „schwarzen Schafe“ unruhig werden – aus Sorge, entdeckt zu werden. Vielleicht ist dies der Beginn einer Rückbesinnung auf seriöse journalistische Arbeit. Das bedeutet: Wer etwas sagen will, muss es selbst gedacht haben und selbst verantworten. Alles andere ist Täuschung.
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