Die Regierungserklärung des Bundeskanzlers Friedrich Merz war erneut eine Enttäuschung. Wer vom Kanzler eine klare Strategie erwartet hatte – eine Vorstellung davon, welche Politik Deutschland künftig verfolgen soll und welche Positionen er im Europäischen Rat vertreten will, damit deutsche Interessen in Brüssel überhaupt Gehör finden –, der wurde wieder enttäuscht. Es sei denn, man erwartet von diesem Kanzler ohnehin nichts mehr.
Merz beließ es wie so oft bei staatspolitischen Allgemeinplätzen, von denen jeder weiß, dass sie politisch folgenlos bleiben. Hört man ihm zu, entsteht der Eindruck eines Politikers, der von seiner eigenen Bedeutung überzeugt ist, aber nicht bemerkt, dass ihm kaum jemand folgen will.
Die Rede bezog sich aktuell im Kern auf vier Punkte:
- Europäische Selbstbehauptung
Machtpolitik, geopolitische Lage, EU‑Handlungsfähigkeit. - Kritik an den USA im Iran‑Konflikt
Deutschland habe „von diesem Weg abgeraten“. - Ablehnung einer deutschen Beteiligung an der Sicherung der Straße von Hormus
- Wettbewerbsfähigkeit, Bürokratieabbau, europäische Wirtschaftspolitik
(in der Debatte mehrfach erwähnt, aber nicht im Zusammenhang mit Sondermitteln)
Es blieben dieselben Phrasen wie immer, ohne dass Merz erkennen ließ, wie er die EU‑Handlungsfähigkeit konkret stärken will. Ebenso fehlte jede Aussage dazu, welche Ziele die EU aus seiner Sicht verfolgen soll und an welchen Punkten ihre Schlagkraft erhöht werden müsste. Zwar betonte er, sich für den 90‑Milliarden‑Kredit an die Ukraine einsetzen zu wollen, verlor jedoch kein Wort darüber, wie der deutsche Kostenanteil finanziert werden soll.
Die Europäische Union hat mit dem 90‑Milliarden‑Kredit an die Ukraine einen politischen Rahmen gesetzt, dessen finanzielle Umsetzung jedoch ausdrücklich an konkrete Reformschritte gebunden ist. Zu diesen Bedingungen gehört auch die Verabschiedung einer Steuerreform, die das ukrainische Parlament bislang nicht angenommen hat. Solange diese Auflagen nicht erfüllt sind, kann die Kommission keine Auszahlung vornehmen. Der politische Beschluss ersetzt daher nicht die rechtlichen Voraussetzungen – und er darf sie auch nicht umgehen. Wer anderes suggeriert, verwischt bewusst die Grenze zwischen politischer Willensbekundung und haushaltsrechtlicher Bindung.
Wenn Friedrich Merz in seiner Rede den Eindruck erweckt, es gehe nur noch um die Auszahlung des Kredits, den die ungarische Regierung derzeit nicht mitträgt, dann hätte es zur politischen Redlichkeit des Kanzlers gehört, klarzustellen, dass dieser Kredit rechtlich nicht frei verfügbar ist. Die EU darf Mittel aus Makrofinanzhilfen erst auszahlen, wenn die vereinbarten Bedingungen erfüllt sind. Dazu zählt im Fall der Ukraine ausdrücklich die Verabschiedung einer Steuerreform, die das ukrainische Parlament bislang nicht angenommen hat. Solange diese Voraussetzungen nicht vorliegen, kann die Kommission keine Auszahlung vornehmen. Wer diesen Unterschied zwischen politischer Zusage und rechtlicher Bindung in der Debatte ausspart, nimmt in Kauf, dass Abgeordnete und Öffentlichkeit über den tatsächlichen Stand der Dinge im Unklaren bleiben. Friedrich Merz hat jedoch in seiner Rede im Bundestag kein Wort darüber verloren.
Was man vom Kanzler ebenfalls hätte erwarten dürfen, wäre eine Stellungnahme zu den gravierenden Vorwürfen der Wirtschaftsprüfungsunternehmen gewesen. Diese kritisieren, dass die Regierung Merz/Klingbeil große Teile der Sonderschulden entgegen dem Bundestagsbeschluss auch zur Deckung des ordentlichen Haushalts verwendet.
Bei Friedrich Merz könnten viele Bürger zunehmend den Eindruck gewinnen, dass sich dieser Kanzler um die Sorgen der ganzen Welt kümmert, seine eigentliche Aufgabe jedoch vernachlässigt – nämlich Deutschland wieder zu einem leistungsfähigen Industriestaat zu machen. Merz verlor kein Wort über die massive Abwanderung deutscher Unternehmen ins Ausland. Er verlor kein Wort über die angekündigten Kündigungen im Industriebereich, bei denen es um sechsstellige Zahlen geht.
Es überrascht daher nicht, dass Merz nicht nur Kritik vom Oppositionsführer der AfD hörte, sondern auch die Grünen deutliche Vorwürfe gegen das wirtschaftspolitische Handeln dieser Regierung erhoben.
Die gegenwärtige Politik des Friedrich Merz ist kein Gütezeichen mehr. Wer im eigenen Land eine solche Politik betreibt, wird im Ausland mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls nicht mehr ernst genommen. Deutschland hat eine solche Politik nicht verdient. Doch nur die Wähler haben die Möglichkeit, hier ein klares Stopp‑Zeichen zu setzen.
