Im Gegensatz zu den olympischen Spielen, bei denen die russischen und die weißrussischen Sportler sehr beschränkt teilnehmen durften und ihre Nationalfahnen nicht führen konnten, hatte das Komitee der Paralympischen Spiele beschlossen, dass auch die Athleten aus Russland und Weißrussland uneingeschränkt an den Spielen teilnehmen dürfen. Insofern wären sie bei der Eröffnungsfeier in Cortina d´Ampezzo mit ihren Nationalfahnen eingezogen. Sofern sie auf dem Siegerpodium hätten stehen können, wären ihre Nationalhymne gespielt.
Dies wird jetzt nicht stattfinden. Die Mannschaft der ukrainischen paralympischen Mannschaft wollte mit einer Kleidung, auf der die Staatsgrenzen der Ukraine Stand 1991 dargestellt war, in das Stadion einmarschieren. Dies wurde durch das Komitee der Paralympics verboten. Die Ukraine musste innerhalb von 12 Stunden ein neues Outfit vorstellen. Bei allem Verständnis für die aktuelle Situation in der Ukraine darf man sich jedoch auch fragen, ob es ein richtiges Vorgehen ist, sportliche Wettkämpfe zu einer Arena eines verbalen Krieges zu missbrauchen. Wenn man meint, während eines Krieges ist es nicht opportun, sich an sportlichen Wettkämpfen zu beteiligen, an denen auch der politische Feind teilnimmt, so kann man dies nachvollziehen, allerdings sollte man dann eben selbst seine Teilnahme absagen. Wenn Teilnahme nur noch möglich ist, wenn man politisch „auf Linie“ ist, dann ist es keine freie Teilnahme mehr.
Der DBS-Präsident Jörg Michels lehnte ein Boykott der russischen und weißrussischen Athleten ab und wies darauf hin, dass es sich um eine Sportveranstaltung handelt und die Politik außen vor bleiben muss. Inzwischen wechselte er seine Auffassung, wobei wir nicht wissen, ob dies aufgrund eigener Erkenntnis oder eines „freundlichen“ Hinweises der deutschen Regierung erfolgte und schloss sich dem Boykott der Ukraine an und beschlossen ebenfalls wie die ukrainische Mannschaft nicht an der Eröffnungsfeier teilzunehmen.
Nun könnte man einfach zur Tagesordnung übergehen und das Geschehen zur Kenntnis nehmen, ohne weitere Gedanken darüber zu verlieren. Ist es mittlerweile nicht ohnehin üblich, dass das gesamte gesellschaftliche Leben von der Politik dermaßen vereinnahmt, worden ist, dass es mittlerweile darauf ankommt, immer auf der richtigen Seite zu stehen? Und wenn Regierungen Feindbilder definieren, dann haben sie die Bürger zu übernehmen.
Der ursprüngliche Gedanke, dass es Veranstaltungen geben sollte, die auch in Zeiten von kriegerischen Auseinandersetzungen stattfinden, gerade um die zwischenmenschlichen Beziehungen der Menschen, die in der Regel gar nicht aktiv einen Krieg wollten, sondern ihn entweder als Betroffene oder als befohlene Teilnehmer durchführen müssen, nicht gänzlich absterben zu lassen, scheint aktuell keine Option mehr zu sein. Die Regierungen sind es, die Kriege beginnen und beenden, die den Bürgern keine Wahl lassen, zu einem Krieg nein zu sagen, so dass sich Menschen gegenseitig umbringen, die nie auf die Idee kämen, jemanden mit Gewalt gegenüberzutreten. Ein gutes Beispiel, wie es möglich ist, dass Verbindungen zwischen verfeindeten Völkern möglich sind, zeigte der berühmte Musiker und Dirigent Daniel Barenboim. Dieser berühmte Künstler, nein er ist auch ein souveräner Bürger, der die politischen Grenzen einfach negiert und deutlich macht, dass die „normalen“ Menschen Frieden wollen und nur von Mächten zum Krieg gezwungen werden.
Auch beim Sport – und erst recht bei einer Paralympics – wäre es ein gutes Zeichen gewesen, wenn alle Beteiligten die Größe hätten, über die politischen Grenzen zu „springen“ und den Kriegstreibern auf beiden Seiten ins Gesicht rufen: Wir lassen die zwischenmenschlichen Beziehungen nicht zerstören.
Aber leider führen mittlerweile nur noch Scharfmacher das Wort und machen den Menschen glauben, man muss kämpfen und alle die zu der verfeindeten Volksgruppe gehören, müssen ebenfalls bestraft werden.
Unter solchen Umständen wäre es besser, nein es wäre ehrlicher, alle Veranstaltungen zwischen Völkern, die gerade an einem Kriegsgeschehen beteiligt sind, nicht mehr durchzuführen. Natürlich wäre das ein Ende des Rests einer menschlichen Regung und eines jeglichen zwischenmenschliche Kontakts, wenn es politisch opportun ist, dass der Kontakt zu unterbleiben hat.
Eine solche Welt ist allerdings weder wünschenswert, noch weist sie einen Weg zum Frieden.
