Das Wahlergebnis der Landtagswahl in Baden-Württemberg scheint – Stand 20.00 Uhr – eindeutig zu sein. Es gibt aktuell eine Mehrheit der bürgerlichen Parteien, sofern sich die CDU noch als bürgerliche Partei verstehen sollte, um den grünen wirtschaftspolitischen Kurs, der inzwischen auch das einstige Hochindustrieland Baden-Württemberg erfasst hat, wieder umzukehren. Man darf davon ausgehen, dass dies dem Willen vieler Wähler entspricht. Wenn die Analysen der Institute zutreffen, lehnt eine Mehrheit der Bürger die ideologisch geprägte Verbotspolitik der Grünen ab. Özdemir ist es allerdings gelungen, gegenüber den Wählern den Eindruck zu vermitteln, als habe er mit dieser Politik wenig zu tun.
Rein rechnerisch, sofern die aktuell ermittelten Wahlergebnisse Bestand haben, liegen die Grünen mit ihrem Kandidaten Özdemir knapp vor der CDU. Die CDU könnte jedoch aufgrund der Stärke der AfD, die über 18 % Zustimmung erhalten hat, zusammen mit dieser Partei eine bürgerliche Regierung bilden und damit einen echten Politikwechsel ermöglichen. Politisch wird diese Option jedoch durch die selbstauferlegte Brandmauer blockiert. Wie deutlich die Wähler sich von linken Parteien abwenden, zeigt das Ergebnis der SPD, die mit rund 5,5 % nur noch als Splitterpartei gelten kann und künftig um den Einzug in den Landtag kämpfen muss. Das Ausscheiden der FDP aus ihrem einstigen Stammland überrascht kaum. Viele Wähler erinnern sich noch gut an die Entscheidungen der Partei im Bundestag – etwa an das neue Personenstandsgesetz, das die Geschlechtszugehörigkeit weitgehend flexibilisiert. Die FDP hat im Land ihre frühere Rolle als bürgerliche Kraft verloren.
Hört man die Äußerungen der Spitzenkandidaten von Grünen und CDU am Wahlabend, entsteht der Eindruck, der CDU-Kandidat habe den Kampf um das Ministerpräsidentenamt bereits aufgegeben. Damit dürfte es wieder einmal so kommen wie so oft: Der Wähler wählt – aber was er wählt, interessiert die politischen Akteure nur begrenzt. Die CDU wird voraussichtlich dafür sorgen, dass die linken Parteien weiterhin in der Regierung bleiben. Die Brandmauer erfüllt damit ihren Zweck: Sie hebelt rechnerische Mehrheiten und damit den Wählerwillen aus.
Wahrscheinlich werden viele Bürger in Baden-Württemberg erst dann nach einer politischen Alternative rufen, wenn die Arbeitslosigkeit, die sich seit einiger Zeit abzeichnet, ihren Höhepunkt erreicht hat und das einst reiche Baden-Württemberg zu den wirtschaftlich schwächeren Regionen Deutschlands zählt.
Vielleicht besinnt sich die CDU doch noch – Wunder soll es geben. Doch in der Politik glaubt man kaum noch an Wunder; vielen Politikern fehlt der Blick über den eigenen Tellerrand. So wird die Stimme des Wählers zwar gezählt, aber sein Wille bleibt unbeachtet. Denn nach wie vor gilt offenbar der Grundsatz: Erst kommt die Partei – der Wähler stört nur das politische Gefüge.
